Ceterum Censeo | 19. April 2012 Vom Wert bürgerlicher Tugenden im Internetzeitalter Eine Tugend wird im heutigen Sprachgebrauch oftmals mit etwas Antiquiertem assoziiert. Wird diesem noch das Wort bürgerlich vorangestellt, verkommt es in den Augen Vieler vollständig zu einem Konzept der Vergangenheit. Oft genannte bürgerliche Tugenden wie Anstand, Fleiss, Disziplin, Bescheidenheit und Verantwortung gepaart mit Gemeinsinn werden von vielen Zeitkritikern der heutigen Web2.0-Gesellschaft in Abrede gestellt. Hedonismus, Genusssucht, Leben auf Pump, Anspruchsmentalität und Entsolidarisierung sind im Trend.
Sind die bürgerlichen Tugenden, wie oft proklamiert, wirklich vom Aussterben bedroht? Wo sind die Ursachen dafür zu identifizieren? Und wie können wir verlorene Tugenden wie Fleiss, Bescheidenheit und andere wieder revitalisieren?
Grassierende Tugendlosigkeit? Gerade in der ökonomischen Dimension wird den Tugenden wie Disziplin, Fleiss, Anstand und Verantwortung nur noch selten gefrönt. In den Krisen 2001, 2008 und 2011 ging viel jahrelang Aufgebautes innert kurzer Frist in die Brüche. Firmenwerte lösten sich an der Börse über Nacht in Luft auf, Grossbanken mit bisher jährlichen Gewinnspannen von mehreren Milliarden wurden von einem Tag auf den anderen geschlossen, gekauft, fusioniert oder vom Staat gerettet. Im Schlepptau der Wirtschafts- und Finanzkrise litten alle anderen Branchen; mit den dadurch entstandenen Mindereinnahmen aus Steuern stieg die Verschuldung der voll ausgebauten westlichen Wohlfahrtsstaaten gewaltig an. Gerade in Europa befinden sich gegenwärtig viele dieser Staaten immer noch mitten in einer schwierigen Sanierungsphase, deren Gelingen offen ist. Während der Krise herrschte eine Situation der gegenseitigen Schuldzuweisungen – ausser an einigen Firmenspitzen und bei wenigen Politikern erfolgten aber kaum personelle Konsequenzen. Niemand übernahm für die Krise wirklich die Verantwortung. Schliesslich wurde in seltener Einmütigkeit von gewissen Exponenten aus Politik und Medien das „System Kapitalismus“ als unzureichend und deshalb als gescheitert hingestellt. Das individuelle Verantwortungsbewusstsein hat – zumindest in Politik und Wirtschaft – klar abgenommen. Der Staat und seine Kernkompetenzen Als eine wesentliche Ursache für die auf vielen Schienen fehlgeleitete Entwicklung ist das vermehrte Eingreifen des Staates zu identifizieren. Der Staat interveniert heute in viele Lebensbereiche, welche früher von den Bürgern in Eigenregie übernommen wurden. Mit einer Vielzahl von Gesetzen regelt der moderne Interventionsstaat das Zusammenleben der heutigen Gesellschaft in weiten Teilen der zivilen, sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen. Der allesumsorgende, fürsorgliche Wohlfahrtsstaat westlicher Prägung vollzog die Wende von der Unterstützung weniger Bedürftiger in ein System der Subventionierung Vieler und der Umverteilung im grossen Stil.
Der Staat, der bei jedem Missstand in die Bresche springt, verunmöglicht es dem Bürger, ein freiheitliches Leben zu führen. Übernimmt der Staat mehr als nur die traditionellen Aufgaben in der Sicherheit und Ordnung, bei Gesundheit und Sozialem sowie bei der Bereitstellung der Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, Bildung und Kultur, verkümmert der mündige Bürger zum Heloten.
Der Staat muss sich deshalb vermehrt auf seine Kernkompetenzen besinnen und dem einzelnen Bürger die Chance geben, sich zu entfalten und wieder mehr Verantwortung zu übernehmen. Denn nur in der freiheitlichen Ordnung, die dem Bürger möglichst grosse Freiräume einräumt, entwickelt dieser auch Charakterzüge, welche den bürgerlichen Tugenden entsprechen.
Freiheiten gewähren und Tugendhaftigkeit erfahren Bürgerliche Tugenden sind für das gedeihliche gesellschaftliche Zusammenleben und für das Funktionieren der Marktwirtschaft notwendige Eigenschaften. Es ist lohnend, sich dafür einzusetzen. Sie sind denn auch untrennbar mit einer erfolgreichen Marktwirtschaft verknüpft und bedingen, fördern und stärken sich gegenseitig. Dies wird auch am Beispiel Chinas und weiterer aufstrebender Länder sichtbar: Mit dem Aufkommen einer Mittelklasse und einem Sinneswechsel hin zu mehr Freiheit wächst nicht nur die Wertschätzung bürgerlicher Tugenden, auch die Innovations- und Wirtschaftskraft legt zu. Die Gesamtentwicklung bewirkt, dass die tragenden Mittelschichten weiter verbreitert werden. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und eine Basis aus Respekt und Toleranz sind die Folge.
Erhalten Charaktereigenschaften wie Anstand, Fleiss, Sitte und Verantwortung wieder diejenige Anerkennung der Gesellschaft, die sie verdienen, ist nicht nur ein Fortbestehen sondern auch ein Revival dieser bürgerlichen Tugenden möglich. Auch wenn ihr Stellenwert über die Jahre fluktuieren mag, so sind die Tugenden unabdingbar für den Erhalt und die erfolgreiche Zukunft unserer freiheitlichen Gesellschaft.
Interessante weiterführende Links zum Stellenwert der bürgerlichen Tugenden: »» Der Wert der Werte – Über die moralischen Grundlagen der westlichen Zivilisation, Karen Horn und Gerhard Schwarz (Hrsg.), NZZ Verlag, 2011
»» Eine Frage der Ehre, Interview mit Deirdre McCloskey, Schweizer Monat
»» Tugend als Bollwerk der Freiheit, Robert Nef, Liberales Institut |